Wahrheits-Wirkungen
7. August 2008 von Mila
Weshalb reite ich so auf Wahrheit und Wirklichkeit herum? Dafür gibt es mehrere Gründe. Einer ist, dass das Leben mich lehrte bzw. ich zu erkennen meinte, dass es die eine allgemeingültige Wahrheit nicht gibt. Ein anderer, dass es mich zeitweise nervt, wofür dieses Wort und damit verbundene Empfindungen bemüht werden. Mag jemand eine bestimmte Meinung nicht für sich selbst übernehmen, so wird ihm/ihr unterstellt, nicht mutig genug zu sein, um die Wahrheit zu ertragen oder auszusprechen. Oder man meint, durch gebetsmühlenartiges Wiederholen bestimmter Sachverhalte müsste doch jedem Blinden mit Krückstock klar werden, dass es eben nur diese eine bestimmte Wahrheit gäbe. (Geneigte Leser werden wissen, worauf ich anspiele.)
In meinen Augen stellt so etwas allerdings eine Beleidigung meiner und anderer Menschen Intelligenz dar; viele sind durchaus in der Lage, sich einen Sachverhalt von mehreren Seiten aus anzusehen und sich nach und nach eine eigene Meinung dazu zu bilden. Und sind darüber hinaus in der Lage, diese Meinung in dem Wissen zu vertreten, dass sich eine Meinung ändern kann, darf und gegebenenfalls auch sollte - nämlich spätestens dann, wenn deutlich wird, dass diese Meinung höchstens noch aus nostalgischen oder anderen Gründen beibehalten wird, alle Fakten aber dagegen sprechen.
Persönlich halte ich es für beinahe selbstschädigend, wenn ein schon reiferer Mensch nicht erkennen kann, dass es viele Wirklichkeiten gibt, die alle ihren subjektiven Sinn und ihre persönliche “Berechtigung” haben. Das Beispiel des Mannes, der sich einen Hammer borgen möchte, sich dabei aber selbst gedanklich in Rage redet und dann den Nachbarn unnötigerweise brüskiert, zeigt sehr gut, wie “Wirklichkeiten” erschaffen werden. Grundlage dieser Wirklichkeit des Hammermannes sind seine eigenen Gedanken, Vermutungen, Empfindungen - und nichts Reales, nichts, was darauf schließen ließe, dass der “böse Nachbar” ihn komisch anschaute oder bewusst nicht grüßen wollte. Tragischerweise aber ist es so, dass diese selbstgemachten Konstrukte wirken - sie erschaffen Wirklichkeiten. Für den Hammermann war völlig klar, dass der Nachbar nur ein ausgemachtes A****loch sein kann. Auf die Idee, dass das auch ganz anders sein könnte, kam er gar nicht. Hätte er sich ein wenig Zeit zum Innehalten zugestanden, so wäre er womöglich zu einem ganz anderen Ergebnis gekommen, hätte den Nachbarn nicht angebrüllt und vielleicht sogar noch Hilfestellung beim Aufhängen des Bildes erhalten.
Er scheint sich - soweit das aus dieser kurzen Geschichte ablesbar ist - keine Gedanken darüber gemacht zu haben, dass er nicht zwingend so handeln musste, wie er dann handelte und sich damit einer anderen Erfahrung beraubte. Es ist zwar Spekulation, aber ich würde fast darauf wetten, dass dieses kleine Vorkommnis unseren Mann in der Haltung, dass Nachbarn eine grauenhafte Spezies sind, bestärkt und er früher oder später durch kein Argument davon abzubringen ist, sämtliche Nachbarn als Rüpel zu betrachten. Dass er sich damit um einen recht großen Handlungs- und Erlebensspielraum bringt, ist ihm in keinster Weise bewusst. Unser Mann hat sich also seine Wirklichkeit (Wahrheit, Realität) selbst gemacht. Und es würde wohl niemanden wundern, wenn er auch zukünftig im Brustton der Überzeugung verkündet, dass Nachbarn per se böse Rüpel sind. Womöglich - meine Phantasie feiert fröhliche Urständ’ - macht er sogar noch ein Forum für Nachbarschaftsgeschädigte auf…
Einige LeserInnen, die mir bis zu diesem Punkt gefolgt sind, werden sich vermutlich fragen, was meine Überlegungen mit dem Thema Haft zu tun haben, andere haben sich vielleicht schon ihre eigenen Gedanken dazu gemacht. Sowohl zu Fragen als auch zur Äußerung eigener Gedanken zu “Wahrheit und Wirklichkeit” sei hiermit herzlich eingeladen.
Mila
Unter Umständen kommt werter Herr vielleicht auch noch zu der Erkenntnis, dass besagter böser Nachbar ihn vor grossem Schaden bewahrt hat - wie schnell hat man sich doch mit einem “geliehenen” Hammer ganz kräftig aufs Patschhändchen geschlagen *aua*!!!
Ich könnte wetten, dass der Zorn auf den nachbarlichen Rüpel dann mindestens genau so gross ausfallen würde?!!
Somit ist vom Aufhängen von “Bildern” grundsätzlich abzuraten - so oder so!!
Ausser vielleicht mit Klebestreifen (auch HAFTstreifen genannt-damit wir beim Thema bleiben), die sind auch bei Bedarf ohne Spuren zu entfernen, um fix ein aktuelleres Bild an die Wand zu heften - je nach Bedarf und ohne fremde Hilfe.
Sprich, der Nachbar ist auf alle Fälle ein A******, mit oder ohne geliehenen Hammer!