Mai 10

Der Dobermann und die Milch – eine nicht immer funktionierende Konstruktion

In einem Vortrag, der auf seinem Buch “Wie wirklich ist die Wirklichkeit” beruht, bringt Paul Watzlawick etliche Beispiele dafür, wie Menschen und höhere Tiere ihre Wirklichkeit “konstruieren”, um sich nicht in Sinnlosigkeit und der daraus resultierenden Verwirrung zu verlieren. Das heißt, sie setzen etwas zueinander in Beziehung, was nicht zwangsläufig einen Bezug zueinander haben muss! Als ein Beispiel für diese “Konstruktionen” berichtet Watzlawick von einem Dobermann, der eine Leidenschaft für Milch entwickelte.

Der Halter des Dobermanns ließ den Hund, der die Nacht im Haus verbrachte, jeden Morgen in den Garten laufen, damit er dort sein “Geschäft” verrichten könne. Jeden Morgen füllte der Halter in der Zwischenzeit den Napf mit Milch. Wenn der Hund dann ins Haus zurückkehrte, lief er zu seinem Napf und trank mit Begeisterung seine Milch. Eines Morgens war keine Milch mehr da. Der Hund lief wie gewohnt zu seinem Napf, stutzte. Dann lief er wieder in den Garten, presste aus Leibeskräften drei Tropfen aus seiner leeren Blase und lief wieder ins Haus und zu seinem Napf. Nur, es war trotzdem keine Milch da.

Watzlawick schließt daraus, dass sich die Wirklichkeit, die nicht ungefiltert wahrgenommen werden kann, dann zeigt, wenn die Konstruktionen der Wirklichkeit zusammenbrechen, nicht mehr gültig sind. Die gültige Wirklichkeit des Hundes war: “Wenn ich in den Garten laufe, mein Geschäft verrichte und dann ins Haus zurückkehre, dann ist Milch in meinem Napf”. Er realisiert nicht, dass es keinen zwingenden Zusammenhang zwischen seinem Gartengang und dem Vorhandensein von Milch in seinem Napf gibt. Und so wiederholt er sein Verhalten, um an die Milch zu kommen. Außenstehenden ist bewusst, dass auch ein fünfter und sechster Gang in den Garten keine Milch in den Napf zaubern wird. Dem völlig verwirrtem Hund jedoch nicht.

Das heißt, der Hund unterliegt – wie die meisten Menschen, einem Trugschluss. Denn die wahrgenommene, konstruierte Wirklichkeit wird für die wirkliche Wirklichkeit, also für wirklich/wahr/real existierend gehalten. Ordnungen werden konstruiert, um Bezugspunkte zu haben, an Erfahrungen anknüpfen zu können.

Von der wirklichen Wirklichkeit wissen wir nur, was sie nicht ist. So lange unsere Konstruktionen passen, ist das Leben relativ unproblematisch und erträglich. Stürzen die Konstruktionen ein, sind Kummer, Schmerz, Verwirrung die Folge. Dies wird schon in den Upanishaden beschrieben als die Wurzel menschlichen Leides: Es entsteht, wenn sich die wirkliche Wirklichkeit von unserem Bild der Wirklichkeit unterscheidet.

Wenn wir bisher erfahren haben, dass ein Gespräch etwas klären kann, dann werden wir alles daran setzen, ein Gespräch zu führen, um Meinungsverschiedenheiten oder anderes aus dem Weg zu räumen. Wir werden fassungslos und vielleicht auch wütend und ohnmächtig feststellen, dass uns das nicht mit jedem Menschen gelingt. Dennoch verhalten wir uns wie der Dobermann. Wieder und wieder suchen wir das Gespräch, scheitern wieder und wieder und werden immer unglücklicher, sind immer verstimmter, fühlen uns unverstanden und verlassen, schlecht behandelt oder missachtet. Nur selten kommen wir auf die Idee, dass ein Gespräch nicht zwingend eine Klärung herbeiführt. Aus der Erfahrung, dass es oft funktioniert, machen wir innerlich ein immer.

Oder wir haben gelernt, dass es zu einer richtigen Beziehung gehört, zu heiraten. Wir setzen alles daran, dass sich dieser Wunsch erfüllt, weil wir hoffen, dass sich dann unser Zustand verändert und wir verheiratet sehr glücklich sein werden. Die Heirat findet statt und nicht viel später setzt die Ernüchterung ein. Unser Zustand hat sich nicht deutlich spürbar verändert, wir sind nicht glücklicher.

Oder wir streben lange Jahre auf ein berufliches Ziel zu, nehmen viele Anstrengungen in Kauf, sagen uns: “Wenn ich diese Position erreicht habe, dann…”. Unsere Mitmenschen bestärken uns, indem sie bewundern, welche Mühen wir auf uns nehmen, um unser Ziel zu erreichen, sie sprechen uns Mut zu, schenken uns ihre Aufmerksamkeit. Dann sind wir endlich am Ziel, haben die neue Position. Nur – die ist nicht so, wie wir uns das ausmalten. Zwar sind wir nun weisungsbefugt, dürfen Anordnungen erteilen, aber den Grad an Entscheidungsspielraum, den wir uns vorstellten, haben wir nicht. Wir sind auch nicht zufriedener. Womöglich sind wir unzufriedener und unglücklicher als zuvor, denn wir fühlen uns um den Lohn unserer Anstrengungen und Bemühungen betrogen.

Was ist geschehen? Wir sind auf unsere Konstruktion “Wer sich anstrengt und ein Ziel erreicht, wird danach immer zufrieden sein” hereingefallen. Und wir verneinen, dass wir die Architekten unserer Wirklichkeit und damit unseres Lebens sind.

Mut zur Wirklichkeit bedeutet nicht, sich nicht für sich und seine Anliegen einzusetzen. Es bedeutet, sich klar zu machen, dass unsere Wirklichkeit, das, was wir für real und wahr halten, nicht die wirkliche Wirklichkeit ist. Es bedeutet, in Kauf zu nehmen, zeitweise orientierungslos und verwirrt zu sein, nicht zu wissen, wie unser Weg aussieht. Es bedeutet, in Betracht zu ziehen, dass wir Dinge miteinander in eine Beziehung setzten, die zueinander in keiner Beziehung stehen. Es bedeutet, auszuhalten, nicht zu wissen, ob man die nächste Stunde, den nächsten Tag, die nächste Woche noch erlebt. Und es bedeutet nicht zuletzt, dass wir nicht leiden müssen, weil die Welt und die Menschen darin nicht so sind, wie wir uns das vorstellen und wünschen. Es bedeutet, zutiefst dafür verantwortlich zu sein, was man erlebt und fühlt und es bedeutet, frei zu sein.




Veröffentlicht10. Mai 2016 von admin in Kategorie "Uncategorized

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