März 14

Helfen? Ja, bitte!

… aber nicht um jeden Preis. Im Laufe der mehr als vier Jahre, in denen ich mich in unterschiedlichen Foren für Angehörige Inhaftierter bewegte, fiel mir auf, dass viele Frauen dazu neigen, sich für den inhaftierten Partner, Sohn, Bruder, Freund aufzugeben. Ein Verhalten, das mir auch an mir selbst auffiel und das mir nicht unbekannt war.

Bekannt geworden ist dieses Verhaltensmuster Ende der 70er Jahre als „Helfersyndrom“. Es bezog sich ursprünglich auf professionelle Helferberufe und auf die Personen, die auf Grund ihrer Persönlichkeitsstruktur dazu neigen, anderen ohne Rücksicht auf das eigene Befinden zu helfen. Ursache dieses Verhaltens ist meist ein gering ausgeprägtes Selbstwertgefühl und der oft nicht bewusste Wunsch, dieses mittels „guter Taten“ aufwerten zu wollen. Man hilft, um Anerkennung zu erhalten, wahrgenommen zu werden als besonders wertvoller Mensch. Übersehen wird dabei leider die eigene innere Bedürftigkeit, die dazu verleitet, geradezu süchtig danach zu werden, anderen zu helfen. Der „Geholfene“ wird dabei nicht selten überrollt, seine Wünsche, Bedürfnisse oder auch Aussagen werden ignoriert. Ihm muss geholfen werden um jeden Preis. Um den Preis, dass sein Hilfebedarf falsch eingeschätzt wird, um den Preis, dass der Helfer sich über seinen Hilfsaktionen selbst vergisst, um den Preis, dass die Art und Weise der Hilfe mehr schadet als nützt.

Natürlich gehört zu der Struktur der „Hilflosen Helfer“* die Tendenz, sich auch Partner zu suchen, die man mit seinem frei flottierenden Bedürfnis helfen zu wollen/müssen, retten kann. Dies sind häufig Menschen, die auf irgendeine Art und Weise nicht lebenstüchtig scheinen, in ihrer Lebensführung teilweise scheitern, die hilflos wirken (aber nicht unbedingt sein müssen). Dazu gehören eben auch Menschen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten, weil sie sich nicht an Regeln halten, die süchtig sind, die nicht mit Geld umgehen können etc. und dann nicht selten inhaftiert werden. Das ist eine Situation, die alles auf den Plan ruft, was eine „Helferpersönlichkeit“ regelrecht aktiviert. Sie fühlt sich gebraucht, kann zeigen, was in ihr steckt und erhofft sich dafür Dank und Aufmerksamkeit. Nicht selten werden dabei die eigenen Kräfte und Möglichkeiten überschätzt und nicht weniger selten entstehen daraus regelrechte Dramen. Der „Geholfene“ fühlt sich gedrängt, gezwungen, der Helfer fühlt sich verschmäht. Er gibt mehr, als er eigentlich geben kann und erhält im Gegenzug nicht selten einen Tritt in der Allerwertesten.

So lange eine Helferpersönlichkeit nicht erkennt, was die Ursache ihres Bedürfnisses ist, wird sie ähnliche Erfahrungen immer wieder machen. Sich diese Ursache anzusehen, ist nicht leicht, denn es bedeutet zu sehen, dass es eigene Bedürfnisse sind, die stellvertretend am „Objekt“ befriedigt werden. Es bedeutet, sich einzugestehen, dass man sich von einem anderen abhängig machte – im Fühlen, im Empfinden und im Handeln – um sich selbst aufzuwerten.

Als besonders schmerzlich empfand ich die Erkenntnis, dass all mein gutes, selbstloses Tun auf meinen ureigensten Interessen beruhte sowie auf meiner Unfähigkeit, schlechte Gefühle auch nur fünf Minuten auszuhalten. Lieber habe ich gemacht und getan, das fiel mir erheblich leichter als das Fühlen von Schmerz, Hilflosigkeit oder Ohnmacht. Die Inhaftierung des Mannes, mit dem ich leben wollte, war schlussendlich Anlass, mich nicht nur von meiner Sucht, gebraucht zu werden, zu befreien. Das hat mir unendlich gut getan, denn ich kann endlich handeln, ohne darauf zu schielen, was andere von meinen Taten halten. Diese neu gewonnene Freiheit ist etwas, was ich sehr schätze und die ich nicht mehr missen möchte. Es ist die Freiheit, mich gut zu fühlen, auch wenn ich einmal nicht helfe, weil ich weiß, dass ich trotzdem ein guter Mensch bin. Wie jeder Mensch bin ich grundlegend gut, einfach weil es mich gibt, durch mein Dasein.

Allen Angehörigen, die ähnliche Tendenzen bei sich selbst beobachten – wie etwa unbedingt helfend eingreifen zu müssen – möchte ich sehr raten, sich Unterstützung zu holen. Mit der Arbeit an sich selbst inklusive der eigenen Fühl- und Handlungsmuster kann man die Zeit der Inhaftierung eines nahestehenden Menschen nutzen, zum Wohle aller Beteiligten!

*Der Begriff “Hilflose Helfer” wurde von dem Psychotherapeuten Wolfgang Schmidtbauer in seinem gleichnamigen Buch erstmalig verwendet.




Veröffentlicht14. März 2016 von admin in Kategorie "Uncategorized

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