März 14

Herz brennt

Hm, ist das wirklich so? Kann man wirklich nichts tun? Ja und Nein.

Der erste Schritt des Tuns ist das Nichttun. Und zwar in dem Sinne, nicht zu versuchen, die Trauer, den Schmerz, den Groll und was da alles noch in einem tobt, wegmachen zu wollen. Also nicht unterdrücken, nicht wegdrücken, sondern fühlen.

Dieses Dalassen, dieses Fühlen scheint einem zunächst unerträglich, was der Grund ist, zu versuchen, diesen Zustand zu vertreiben, zu ignorieren, zu verdrängen, wegzureden, mit Aktivitäten jeder Art regelrecht zu erschlagen. Lässt man sich aber tatsächlich darauf ein, so wird man feststellen, dass der Zustand nicht unendlich und nicht von unbegrenzter Dauer ist. Vielleicht erträgt man ihn fünf bis zehn Minuten und stellt fest, dass er sich schon innerhalb dieser kurzen Zeitspanne verändert. Vielleicht verändert er sich auch erst nach einer Stunde oder später – aber das gibt Anlass zur Hoffnung und vielleicht entstehen daraus einige Erkenntnisse:

Kein Zustand dauert ewig.
Man kann diesen Zustand aushalten.
Der Zustand verändert sich auch ohne aktives Zutun.

Versucht man hingegen, den Zustand, die Gefühle und Empfindungen wegzudrücken, so wird man auch nach dem hundertsten oder tausendstem Versuch feststellen, dass er einfach nicht gehen will – was die Bemühungen, dies alles loswerden zu wollen, verstärkt. Es entsteht ein Teufelskreis, in dem man sich dreht wie der Hamster im Laufrad – wobei der Hamster klug genug ist zu lernen, wie er das Laufrad verlassen kann. Nur mensch in seiner Panik, seiner Angst, seiner inneren Lähmung kommt nicht auf die Idee, das mehr Desselben nicht zwangsläufig Besserung oder ein Ende des Kreislaufes zur Folge hat.

Es lohnt sich, dies tatsächlich auszuprobieren. Vielleicht nicht mit den großen Geschichten, die einen völlig aus der Fassung bringen, sondern zunächst mit kleineren Anlässen, die aber fühlbar Unbehagen, Groll, Ärger oder Ähnliches hervorrufen. Ich habe mich dann still auf meinen Küchenstuhl gesetzt und gewartet, was passiert, mich dabei beobachtet, so weit mir das möglich war.

Bei Anlässen, die mich stärker aus der Bahn warfen, bin ich die Treppe heruntergelaufen, vor der Tür stehen geblieben und habe so lange im Freien geraucht bis ich merkte, dass ich ruhiger wurde, sich etwas in mir, in meinem Empfinden veränderte. Die Zigaretten waren dabei eine „Einschätzungshilfe“ der Zeit, die ich brauchte, um wieder zu mir zu kommen. Zuerst waren es meist vier Zigaretten. Einige Wochen später nur noch zwei. Heute komme ich häufig ohne eine einzige Zigarette aus. Meist reicht es, mich hinzusetzen und mich mir selbst zuzuwenden, mich selbst zu beruhigen, mir gut zuzureden und mir dann auch selbst Erklärungen zu geben, warum XYZ mir dieses oder jenes an den Kopf warf und ich darauf derart fassungslos reagiere.

Auf diese Weise habe ich mich „abgehärtet“, kann sehr viel besser unterscheiden, ob ich tatsächlich wegen eines anderen Menschen leide oder ob es nicht doch eher meine Reaktion auf dessen Verhalten ist, die mich leiden lässt. (Fast immer handelt es sich um Letzteres.)

Der Witz an der Sache ist, dass ich kaum noch in Situationen gerate, in denen mein „Herz brennt“ und ich das Bedürfnis verspüre, jemand anderen zu verletzen. Groll, Wut, Ohnmachtsgefühle – all das, was mich über Jahre quälte und in meinem Handeln leitete – ist weg. Man kann etwas tun, auch wenn es nicht wie Tun aussieht. Hier haben die Toten Hosen leicht geirrt.




Veröffentlicht14. März 2016 von admin in Kategorie "Uncategorized

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